Begleiten
Einleitung
Elisabeth Wust
Menschen mit - Demenz- oder Alzheimererkrankung zu pflegen, bedeutet eine Herausforderung für den Betroffenen und für sein soziales Umfeld. Missverständnisse durch Gedächtnis- und Denkstörungen können krisenhaftes Erleben und Stresssituationen auslösen. Wenn die Realität immer mehr auseinander klafft wird ein gegenseitiges Verstehen immer schwieriger.
Mittlerweile gibt es viele Verlaufsbeschreibungen, wie sich bei Demenz- oder Alzheimererkrankung das Gehirn verändert bzw. die neuronale Vernetzung gestört wird. In diesem Buch wird bewusst auf die Beschreibung von Krankheitsbildern verzichtet. Es wird anhand von Fallbeispielen aufgezeigt, wie eine pflegerische Begleitung der von der Krankheit betroffenen Menschen nach dem Förderkonzept „Basale Stimulation“, durch Annäherung an die Schwierigkeiten aus Sicht des Betroffenen, gelingen kann.
Entwickelt wurde das Konzept von Herrn Prof. Fröhlich in den 70er Jahren als pädagogisches Förderkonzept bei schwerstmehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen. Fröhlich fand vor allem über die körpersprachliche Ebene Zugang zu den Patienten und konnte feststellen, dass die Kinder, obwohl sie von Geburt an schwerstmehrfachbeeinträchtigt sind, lern-, entwicklungs- und erlebnisfähig sind. Sie brauchen aber dazu Menschen, die sie in ihrer Welt verstehen, die ihnen ihre Welt erweitern und ihnen Neues in verstehbarer Weise näher bringen.
Unter maßgeblicher Mitwirkung von Frau Prof. Bienstein und der intensiven Auseinandersetzung mit interessierten Pflegenden wurde das pädagogische Förderkonzept zum Pflegeförderkonzept weiterentwickelt und wird erfolgreich in der Pflege von schwerstbetroffenen Patienten angewendet. Es zeigte sich, dass der Ansatz auch in die Altenpflege übertragbar ist. Auch hier greift die Bedeutung der ganzheitlich, körperbezogenen Kommunikation.
In diesem Buch stellen fünf Autorinnen ihre Facharbeiten vor, die sie im Rahmen ihrer einjährigen, berufsbegleitenden Weiterbildung zur Praxisbegleiterin „Basale Stimulation“ erstellten. Anhand von Fallbeispielen zeigen die Autorinnen Möglichkeiten auf, wie zwischenmenschliche Begegnung, Begleitung und Förderung bei Menschen mit Verwirrtheit bzw. mit einer fortgeschrittenen Demenzerkrankung gestaltet werden kann. Die Erfahrungen zeigen, diese Menschen brauchen im besonderen Maße ein verlässliches soziales Umfeld, strukturierte, nachvollziehbare Handlungen, Sicherheitserleben und Vertrauen.
Die Grundhaltung des Konzeptes „Basale Stimulation“ fordert ein Hinschauen, ein sich Einspüren in die Belange und das subjektive Erleben des betroffenen Menschen. Die eingeschränkte Wahrnehmungsverarbeitung muss berücksichtigt, verbliebene Fähigkeiten unterstützt und sinngebend gefördert werden. Es muss immer wieder hinterfragt werden, wie viel und welche Art von Orientierung der Betroffene braucht, um sich zurechtzufinden und wie viel Orientierung ihm das Umfeld bieten kann. Es zeigt sich, dass besonders Pflegesituationen den Menschen dabei unterstützen können, ihm seinen Körper mit all seinen erlebten Unzulänglichkeiten wieder zum Freund werden zu lassen.
Die Zusammenführung von medizinischem, pflegerischem und pädagogischem Wissen eröffnet neue Wege. Professionelle Pflege ermöglicht Nähe zum Menschen und zugleich die nötige Distanz, die Entwicklung ermöglicht.
Die Herausgeberinnen danken ganz besonders Frau Juchli für ihr Vorwort, das den Ansatz des Konzeptes in seiner Natürlichkeit und alltäglichen Anwendung treffend beschreibt.
Unser Dank gilt auch Herrn Prof. Dr. Fröhlich und Frau Prof. Bienstein und allen Dozenten, die uns die Jahre hindurch in der Weiterbildung begleiten und durch den regen Austausch dazu beitragen, dass sich das Konzept und seine Anwender weiterentwickeln.
Wir danken allen Autorinnen, die ihre Facharbeiten und ihren Entwicklungsprozess der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und somit vermutlich einen großen Beitrag für Pflegende und pflegende Angehörige leisten.
Wir wünschen, dass es immer mehr gelingt, den Mensch in das Zentrum des Tuns zu stellen und dass Alter ein erstrebenswerter Zustand sein kann – trotz Einschränkung und altersbedingten Veränderungen.

